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STAM: Wenn das Schulterblatt aus dem Takt gerät
Beim Heben des Arms gleitet und dreht sich das Schulterblatt auf dem Brustkorb. Verändert sich dieses Zusammenspiel, können Schmerzen, Kraftverlust oder Bewegungseinschränkungen entstehen. Fachleute sprechen von STAM, kurz für «Scapulothoracic Abnormal Motion» – also einer auffälligen Stellung oder Bewegung des Schulterblatts. Diese wurde durch Prof. Bassem El Hassan aus Harvard definiert, mit dem Prof. Rosso in engem wissenschaftlichem Ausstausch steht.
Die 2024 veröffentlichte STAM-Einteilung¹ unterscheidet sieben Haupttypen mit Untergruppen. Sie berücksichtigt die möglichen Ursachen und unterstützt damit eine gezieltere Behandlung:
- Typ 1: Der kleine Brustmuskel zieht das Schulterblatt verstärkt nach vorne. Es kippt; häufig besteht Druckschmerz vorne an der Schulter.
- Typ 2A und 2B: Zusätzlich arbeitet der vordere Sägemuskel, der das Schulterblatt am Brustkorb hält, unzureichend. Bei 2A lässt sich die Fehlstellung während der Untersuchung leichter korrigieren als bei 2B.
- Typ 3: Der vordere Sägemuskel ist gelähmt, meist durch eine Schädigung seines versorgenden Nervs. Das Schulterblatt steht flügelartig ab.
- Typ 4: Der Trapezmuskel am Nacken und oberen Rücken ist gelähmt. Die Schulter kann herabhängen, das Armheben wird erschwert.
- Typ 5: Mehrere stabilisierende Schulterblattmuskeln sind deutlich geschwächt, beispielsweise bei der erblichen Muskelerkrankung FSHD.
- Typ 6: Das Schulterblatt erscheint in einer Fehlstellung «blockiert». Eine Korrektur kann erst unter Narkose gelingen.
- Typ 7A und 7B: Es treten unwillkürliche Bewegungen auf, das sogenannte «tanzende Schulterblatt». Bei 7A werden sie durch Armbewegungen ausgelöst, bei 7B treten sie auch ohne bewusste Bewegung auf.
Eine auffällige Bewegung bedeutet jedoch nicht automatisch eine Erkrankung. Eine Studie von 2026 mit 45 Leistungssportlern und 21 Vergleichspersonen² fand bei STAM Typ 1 und 2 weder höhere Schmerzwerte noch eine schlechtere Schulterfunktion. Die Untersuchung beweist allerdings nicht, dass diese Bewegungsmuster grundsätzlich unproblematisch sind.
Für die Behandlung zählen deshalb die Beschwerden und die Untersuchung der gesamten Schulter. Bei funktionellen Störungen können individuell angepasste Übungen die Muskelkoordination und Belastbarkeit verbessern. Eine randomisierte Studie mit 90 Menschen mit Schulterschmerzen³ zeigte Vorteile gezielter Schulterblattübungen gegenüber einem allgemeinen Übungsprogramm. Bei Nervenlähmungen und seltenen STAM-Formen ist eine spezialisierte Abklärung erforderlich. Die Einteilung bietet Orientierung; ihre Bedeutung für einzelne Behandlungsentscheidungen wird weiter erforscht.
¹ Gedik CC et al. (2024). A comprehensive review of scapulothoracic abnormal motion (STAM): evaluation, classification, and treatment strategies. Acta Orthopaedica et Traumatologica Turcica. Übersichtsarbeit zur Einteilung.
² Cozzolino A et al. (2026). Is it relevant to distinguish scapulothoracic abnormal motion (STAM) type in professional overhead athletes? JSES International. Vergleichende Querschnittsstudie.
³ Tang L et al. (2024). Efficacy of Targeted Scapular Stabilization Exercise Versus Conventional Exercise for Patients With Shoulder Pain: A Randomized Clinical Trial. American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation.